Märchen für Erwachsene: Die Prophezeiung vom Küssen und Schubsen

Es war einmal eine Prinzessin aus dem Osten, und ein Prinz aus dem Westen, die hatten einander sehr lieb. Sie schickten sehnsuchtsvoll Brieftauben über das große Wasser, aber ihre Eltern waren seit tausend Jahren verfeindet, und alle Boote waren verflucht. Als der große Drache die Länder verwüstete, vereinten sich endlich die Königshäuser. Das junge Königspaar regierte nun das Land der Mitte in Sorgfalt und Vernunft, und das Land erblühte und ward fruchtbar.

Es wurde ihnen ein Töchterchen geboren, das war lieblich und klug, und das Königspaar lud alle Feen aus dem Norden, denn sie brachten meist gute Gaben, und einige wenige aus dem Süden, denn das Königspaar handelte immer gemäßigt und politisch korrekt. Sogar die siebente aus Nirgendwo, die, weil sie eine Primzahl trug, etwas schräg war, durfte kommen. Die 13. Fee aus Andersland jedoch wurde nicht geladen, denn sie war unberechenbar und doch zu sehr außer der Norm.

Sie kam dann – was vorhersehbar war – mit umso mehr Getöse und sprach eine Prophezeiung aus: „Wenn ihr so weiter tut mit euren Überreglementierungen, und eurem ängstlichen Krämergeist, werden sich eure Kinder bald sogar vor einem Spinnrad fürchten, und sich dran stechen, und ihr werdet sterben oder euer Leben verschlafen.“ Daraufhin verkündete der König, die 13. Fee hätte das Land verflucht, und ließ alle Spinnräder verbrennen. So kam es, dass die Kinder keine Spinnräder mehr kannten, und wenn ein Kind doch eines entdeckte, stach es sich sofort daran, denn es hatte die Gebrauchsanweisung nicht gelesen. Das geschah auch dem Köngistöchterchen an ihrem 32. Geburtstag, dem Tag an dem sie erwachsen war und die Schulstube erstmals verlassen durfte. So fiel das ganze Land, das ohnehin bereits im Dämmerzustand gewesen war, in einen tiefen Schlaf. Kurz vor dem Entschlummern befahl der König den Dornen vor dem Schloss, zu einer dichten Hecke zu wachsen, damit das Land auch weiterhin gut geschützt blieb.

Viele Jahre gingen ins Land. Die Mär von dem blühenden Königreich drang nach Ost und West, Nord und Süd, da in vielen Gegenden bittere Not herrschte. Viele Prinzen und Prinzessinnen machten sich auf die Suche danach. Viele ertranken im großen Wasser, andere erreichten das Land der Mitte, waren aber von der Dornenhecke so zerschunden, dass sie elend verbluten mussten, wieder andere wurden von den feuerspeienden Drachen, auf denen sie ritten, am Ende selbst verschlungen. Einige gelangten ins Reich der Mitte und niemand hörte von ihrem Geschick. Endlich, nach hundert Jahren, machten sich drei weise Könige und drei edle Königinnen mit ihrer Gefolgschaft auf die Suche nach der geheimen „Pforte der Weinbauern“. Dahinter hofften sie die schöne Königstochter zu finden. Sie würde, so die Prophezeiung, erwachen, sobald alle anderen dem dunklen Schlafe entrissen wären. Dazu mussten sie die braven Bürger und Bürgerinnen erst schubsen und dann wachküssen und die Eindringlinge erst küssen und dann wachschubsen.

Nach zahlreichen Abenteuern und Prüfungen gelangten sie heil ins Land der Mitte, und fanden dort ein seltsames Bild: Um die schlafenden Bürger und Bürgerinnen hatten Bewohner aus Ost und West, Nord und Süd, die klein oder wendig genug gewesen waren, um durch die Dornen zu schlüpfen, Zelte errichtet. Manche stießen die Schlafenden unsanft beiseite, andere betteten sie auf Laken und befreiten sie von den aufdringlichen Fliegen, die sich im Land der Mitte ungestört vermehrt hatten und zur Plage geworden waren. Manche fielen selbst in einen tiefen Schlummer, während gleichzeitig immer mehr Bürger und Bürgerinnen erwachten. So blieb den Pilgern nichts anderes übrig, als alle Schlafenden und Wachenden gleichzeitig zu schubsten und zu küssen, und die Erwachten taten desgleichen, bis schließlich die schöne Königstochter die strahlenden Augen öffnete, zwei Prinzen und eine Prinzessin heiratete und das Land voller lachender Menschen schubsend und küssend in eine neue Ära des Friedens und der Lebendigkeit schritt. Und wenn sie nicht verschlafen haben, dann schubsen, küssen sie noch heute.

 

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